WS Zeitdimension: Antragstext

Stand der Forschung

Unter der Zeitdimension soll eine diachrone Perspektive eingenommen werden. Ohne notwendigerweise damit auch einen Rückgriff auf die historische Lese(r)forschung zu verbinden, sollen Trends im Leseverhalten sowie die Veränderung von Lesetechniken der letzten Jahrzehnte adressiert werden. Relevant ist für diese Dimension die angewandte empirische Forschung. Die Erhebungen der letzten Jahre (MPFS 1998 ff; Stiftung Lesen 2007 ff; Stiftung Lesen 2008; Ehmig et al. 2015) haben den Fokus meist auf soziodemographische Unterschiede im Leseverhalten und der Lesefrequenz, Fragen der Lesesozialisation und der Rolle der Familie im Prozess der Lesesozialisation (Stichwort: Vorlesen), das Leseverhalten von Alterskohorten, genderspezifische Lektürevorlieben und Phänomene des (sekundären) Analphabetismus gelegt. Diese im Forschungsdesign und in der inhaltlichen Konzentration quantitativen empirischen Erhebungen haben wichtige Fragen gestellt, aber qualitative Aspekte eher nebensächlich behandelt. Zu fragen ist beispielsweise nach den grundsätzlichen qualitativen Wertzuschreibungen an die Kulturtechnik Lesen und ob diese Zu­schreibungen in der Wissens- und Informationsgesellschaft neu bewertet werden müssen (erste, aber noch nicht ausreichende Zugriffe bei Stiftung Lesen 2018). Beispielhaft für die Transparenz von Wertzuschreibungen an das Lesen ist auch die Einrichtung und Zurschaustellung von Leseatmosphären, die in ihrer Inszenierung in den letzten 20 Jahren konstant geblieben sind und anscheinend international verstanden werden (Gross 2001; Schneider 2018 und 2019; Beck Pristed 2019). Nur im diachronen Vergleich ist es möglich, Veränderungen in den Perspektiven auf das Lesen in Zusammenhang mit der Veränderung von Lesemedien und entsprechenden Herausforderungen zu identifizieren.

Gegenstand des Workshops

Zeitliche Entwicklungsprozesse finden auf zwei unterschiedlichen Ebenen statt, die gleichzeitig ablaufen und voneinander getrennt sind, aber trotzdem miteinander interagieren.

Die erste Perspektive bezieht sich auf die gesellschaftliche, phylogenetische Ebene, welche die Entstehung und Transformation des Leseprozesses im historischen Verlauf beschreibt. Hier wird der Anschluss zur traditionelle Buch- und Leseforschung hergestellt, die die Entstehung der Schriftkultur, des Buchdrucks und nachfolgende Entwicklungen bis hin zu gegenwärtigen mediale Transformationsprozesse behandelt, die das Lesen beeinflussen, wie z.B. Änderungen der gesellschaftlichen Wertzuschreibung oder der Familie als primärer (Lese)Sozialisationsinstanz. Es sollen auch die zukünftigen ökonomischen, funktionalen und inhaltlichen Perspektiven des Lesens ins Blickfeld gerückt werden (Stichwort Digitalisierung).

Die zweite Perspektive ist die individuelle, ontogenetische Ebene, welche sich auf die Leseentwicklung einer Person über die Lebensspanne hinweg bezieht. Diese Stationen umfassen u.a. die frühkindliche, prä- und paraliterarische Kommunikation, die Phase des Schriftspracherwerbs und die schulische Leseentwicklung sowie die Veränderung von Leseverhalten und –funktionen in verschiedenen Lebensphasen. Dabei sollen auch interindividuelle Differenzen in der Leseentwicklung thematisiert werden und die Normalentwicklung mit defizitären Entwicklungsverläufen (Lese-Rechtschreibschwäche, funktionaler Analphabetismus im Erwachsenenalter etc.) kontrastiert werden.

Die thematische Zweisträngigkeit spiegelt sich in der Struktur des Workshops wider. Zuerst wird die historische Entwicklung in einer Keynote behandelt, die sich auf den digitalen Transformationsprozess bezieht, in der sich das Lesen gerade befindet. Daran schließen sich drei Panels an, auf die sich die Workshop-Teilnehmer*innen aufteilen und den Fokus jeweils auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Lesens legen: Entstehung und Wandel der Buchkultur, aktuelle Veränderungen im Leseverhalten, Perspektiven des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung. Im zweiten Teil wird die individuelle Entwicklungsperspektive diskutiert, die auch mit einer Keynote eingeleitet wird. Danach sind wieder drei verschiedene Panels geplant, die sich auf individuelle Entwicklungsphasen beziehen: die vorschulische Lesesozialisation, den schulischen Schriftspracherwerb und die Lektüre von Kinder- und Jugendliteratur sowie das Lesen im Erwachsenenalter. In einer abschließenden Plenumsdiskussion werden die beiden Perspektiven zusammengeführt und die Herausforderungen und Möglichkeiten digitaler Medien für die Leseentwicklung mit den anwesenden Experten*innen diskutiert.

Zitierte Literatur

  • Beck Pristed, Birgitte (2019): Doppelter Nutzen. Lesen in sozialen Netzwerken im digitalen Russland. In: Osteuropa 69, Heft 1-2, S. 139-147.
  • Ehmig, Simone C.; Heymann, Lukas; Seelmann, Carolin (2015): Alphabetisierung und Grundbildung am Arbeitsplatz. Sichtweisen im beruflichen Umfeld. Mainz.
  • Gross, Sabine (2001): Das Buch in der Hand. Zum situativ-affektiven Umgang mit Texten. In: Stiftung Lesen (Hg.): Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend. Eine Studie der Stiftung Lesen, 175-197. Mainz, Hamburg.
  • MPFS (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest) (1998 ff): KIM- und JIM-Studien. Basisuntersuchungen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Verfügbar unter www.mpfs.de.
  • Schneider, Ute (2018a): Bücher zeigen und Leseatmosphären inszenieren – vom Habitus enthusiastischer Leserinnen und Leser. In: Carlos Spoerhase / Steffen Martus (Hg.): Gelesene Literatur. Sonderband Text + Kritik, S. 111-120.
  • Schneider, Ute (2019): Facettenreich und unverzichtbar. Die multiplen Leistungen und Funktionen der Kulturtechnik Lesen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 69 (12), S. 9–14.
  • Stiftung Lesen (2007-2020): Vorlesestudien. Verfügbar unter www.stiftunglesen.de/vorlesestudie.
  • Stiftung Lesen (2008): Lesen in Deutschland 2008. Mainz.